Aus dem Leben eines Schweins

„Ich will hier raus. Aber ich kann nicht. Von hinten drücken die anderen. Und vor mir wartet der blanke Horror. Der Mann kommt auf mich zu mit der Zange. An mehr kann ich mich nicht erinnern, ich wurde ohnmächtig. Als ich wieder zu mir komme, baumle ich auch kopfüber an einem Hacken. Ich kann mich nicht bewegen. Ich habe keine Kraft. Von meinem Hals tropft Blut. Die Fördertechnik beginnt sich zu bewegen. Vor mir, hinter mir, überall meine Geschwister. Blutverschmiert. In der Ferne sehe ich nur noch Hälften von Ihnen am Hacken hängen. Wir kommen zu einem großen Becken. Ich verliere an Höhe. Die Anlage taucht mich unter Wasser. Das Wasser ist kochend heiß, die Schmerzen sind unerträglich. Ich bekomme keine Luft mehr. Ich will hier raus. Ich will hier raus!

Vor ihm baumeln weitere leblose Körper. Sie bewegen sich. Auf einen Mann zu, der mit einem Messer in der Hand auf sie wartet. Wenn sie ankommen, rammt er ihnen das Messer in den Hals. Und das Blut, überall Blut. Mir wird schlecht.

Wir stehen in einer langen Schlange an einem Gang. Immer wieder werden wir geschlagen, damit wir weiter laufen. Ich höre Schreie.

Plötzlich beginnt sich der Boden unter uns zu bewegen – wir fahren. Und fahren. Und fahren. Nach einigen Stunden bekomme ich furchtbaren Durst. Aber es gibt hier nichts zu trinken. Und nichts zu essen.

Die Farben sind überwältigend. Ich sehe grüne Wiesen, das erste Mal in meinem Leben, dass ich etwas Grünes sehe. Und über den Wiesen ist der Himmel, strahlend blau. Nie zuvor in meinem Leben habe ich etwas Blaues gesehen. Ich drehe mich um. Und da sehe ich sie zum ersten Mal. Ein goldener, warmer Fleck am Himmel – die Sonne. Ich spüre das Sonnenlicht auf meiner Haut. Zum ersten Mal in meinem Leben. Es fühlt sich toll an, es gibt mir Kraft und Hoffnung. Heute scheint der beste Tag meines Lebens zu sein.

Zum ersten Mal seit Monaten dürfen wir unsere enge Bucht verlassen.

Tag ein Tag aus dasselbe Essen, dieselbe Bucht, derselbe Bauer, derselbe Ablauf.

Immer mal wieder schmeckt unser Essen anders als sonst. Als wäre etwas untergemischt. Ich fühle mich nicht gut, ich würde mich gerne mehr bewegen. Aber in diesem engen Raum kann ich das nicht.

Wir sind jetzt zu zwölft in unserer 9 m² großen Bucht.

Wenn wir schlafen wollen, müssen wir uns in unsere eigene Scheiße legen. Es ist widerlich.

Sie packen uns und bringen uns in eine enge Bucht. Unsere Mutter darf nicht mit. An diesem Tag hab ich sie das letzte Mal gesehen. Ich habe nie erfahren, was aus ihr geworden ist.

Plötzlich packt er sich Sandy. Er packt sie an den Hinterbeinen und holt aus. Sabine schreit um Hilfe und tritt um sich. Sie versucht zu entkommen. Doch der Bauer ist einfach viel stärker. Er donnert ihren Kopf mit voller Wucht gegen den Boden. Wieder und wieder. Danach wirft er sie in einen großen Eimer hinter ihm.

Der Bauer. Er zieht mich nach oben und begutachtet mich. Ich habe Angst. Dann holt er eine Zange raus. Bevor ich mich wehren kann macht es Klack. Mein Kringelschwanz ist ab. Ich schreie vor Schmerzen und trete um mich. Das Blut spritzt. Ich lande auf dem Boden. Überall das Blut. Der Bauer schnappt sich einen meiner Brüder, Pete. Klack. Der nächste Kringelschwanz ist ab.

Bei unserer Mama bekommen wir leckere Milch. Leider spielt unsere Mama nie mit uns. Sie bewegt sich auch nicht, sie liegt einfach nur am Boden. Ich glaube wegen der vielen Eisenstangen kann sie sich auch nicht bewegen, selbst wenn sie wollte.“

26.02.2015 | von Vincent Herz

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