„Große Teile der bürgerlichen Mittelschicht sind dabei, sozial zu verrohen“ – Jutta Ditfurth über den verwandlungsfähigen Kapitalismus, den zunehmenden Rassismus, den ausbleibenden Widerstand

„Starrt nicht auf die Mehrheit! Es sind in der Geschichte immer politisch qualifizierte Minderheiten gewesen, von denen emanzipatorische Veränderungen ausgehen. Verschwende keine Zeit mit den Sicherheitsbesessenen. Such dir diejenigen, die ähnlich ticken wie du. Solche Gruppen können ausstrahlen, sie können ein Signal nach außen senden: „Hier gibt es Menschen, die etwas verändern wollen.“ … | …  Viel mehr Sinn hat es, die an Emanzipation und Befreiung interessierten Menschen zu finden, zusammenzubringen, sich gemeinsam zu qualifizieren und dann … … | … Die kritische Auseinandersetzung mit den Verhältnissen ist eine Möglichkeit von Freiheit innerhalb der Unfreiheit. … | … Es macht mich glücklich zu sehen, wie Menschen, die Angst hatten und mutlos waren, ihr Leben in die Hand nehmen. … | … Mit Wahlen und Parteipolitik wird sich nichts ändern in der Welt. … | … Man muss historische Prozesse verstehen und vorbereitet sein, sonst vermasselt man die historischen Möglichkeiten. … | … Bei den meisten TV-Sendungen hat das Interesse, abzulenken und zu unterhalten, den Anspruch aufzuklären, wenn es ihn je gab, längst erschlagen. … | … Die „soziale Marktwirtschaft“ ist nur ein Tarnname für den Kapitalismus. … | … Das Wesen des Kapitalismus ist es, die beiden einzigen Springquellen des Reichtums um den Preis ihrer Zerstörung maximal zu verwerten: die menschliche Arbeitskraft und die Natur. Damit das hier in Deutschland nicht zu allzu großer sozialer Beunruhigung führt, werden die Verbrechen des deutschen Kapitals in alle Welt ausgelagert, seine Interesse mit ökonomischer – und wenn nötig auch mit militärischer Gewalt – durchgesetzt. Die Verbrechen deutscher Konzerne in aller Welt könnten alle Nachrichten füllen. Aber was sehen wir? Limousinen, rote Teppiche, händeschüttelnde Politiker, Sportmeldungen, Musikantenstadl. Das Massenelend so vieler Menschen auf der Erde wird so erfolgreich verdrängt wie die Schuld der Täter, eine alte deutsche Tradition. … | … Es gibt fast keine grundsätzliche Gegenmeinung mehr, weder an den Universitäten noch in politischen Nachrichten oder in den angeblich journalistischen Talkshows. … | … Solange es ihnen selbst vergleichsweise gut geht, ist die Angst vieler vor Veränderungen enorm. Diese Gesellschaft ist extrem entsolidarisiert, und dieser Prozess wurde planvoll vorangetrieben. … | … Man muss sich als Linke illusionslos klarmachen, in was für einem Land man lebt. … | … Es sind inzwischen Arbeits- und Lebensverhältnisse durchgesetzt worden, die die durchschnittliche Lebensdauer der gering Verdienenden und Armen – ganz abgesehen von Glück, Freiheit und Gesundheit – außerordentlich mindern. … | … Manche Menschen sind über einen langen Zeitraum so kaputt gemacht und entmutigt worden, dass sie froh sind, mit ihren Angehörigen jeden einzelnen Tag zu überstehen. Andere schuften sich in zwei oder drei Jobs frühzeitig ins Grab. Wieder andere fliehen vor der Ausweglosigkeit für sich und ihre Kinder in verschiedene Suchtformen oder träumen sich weg. Und diejenigen, die es irgendwie schaffen, sich durchzuschlagen, stoßen dann auf unsichtbare Mauern in dieser Gesellschaft: perfide soziale Selektionssysteme, undurchlässige Strukturen. Der kritisch denkende Teil junger Menschen, ob aus proletarischen, kleinbürgerlichen oder bürgerlichen Familien, wird in oft hierarchischen, verschulten Ausbildungseinrichtungen der Ideologie der herrschenden Verhältnisse ausgesetzt – und wer trotzdem ernsthaft Veränderungen durchsetzen will, stößt, grob gesagt, auf zwei Reaktionsweisen des Staates: Zuckerbrot oder Peitsche, Integrationsangebot oder Repression. … | … Reformen sind ja heute keine Reformen mehr, also keine wirklichen Verbesserungen der Lage der Menschen. Wenn eine Reform angekündigt wird, ist das eher eine Drohung, denn es folgt meistens eine Verschlechterung der sozialen Lage, spätestens durch die Hintertür.“

24.01.2014 | von Sarah Buron und Patrick Spät, Jutta Ditfurth

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