Artgerecht ist nur die Freiheit.

»[…] In den Zoos sterben immer wieder Tiere, weil die Besucher ihnen irgendwelches Zeug in die Gehege werfen, halbe Bratwürste, Hamburger, Kaugummis, Zigarettenkippen, Bierdosen. In die Becken von Seelöwen, Seebären oder Krokodilen werfen die Leute immer wieder Geldstücke, weil das angeblich Glück bringt. In den Mägen der Tiere entdecken die Tierärzte nach deren Tod manchmal Hunderte von Münzen. Zootiere sterben außerdem immer wieder, weil die Gehege nicht ausreichend gesichert sind.
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Von den Besucherwegen aus können Gegenstände auch unbeabsichtigt in die Gehege fallen, die Tiere verschlucken. Schnuller, Brillen, Mützen, Smartphones. Oder, wie im Eisbärengehege in der Stuttgarter Wilhelma Anfang des Jahres, eine Jacke und ein Rucksack. Der Eisbär Anton hat die Sachen gefressen und ist daran gestorben. In Affengehegen haben sich schon Tiere mit Kletterseilen erhängt. Ein besonders eklatantes Beispiel für eine gefährliche Architektur sind die Wassergräben um viele Gehege.
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Für Menschenaffen und auch für andere große Tiere sind Wassergräben schon wiederholt zur Todesfalle geworden.
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Tatsächlich wird in vielen Zoos mit großem Aufwand um- und neugebaut. Allerdings geht es dabei weniger um eine Verbesserung der Haltungsbedingungen der Tiere, als darum, das Erscheinungsbild des Zoos zu verbessern.
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[…] aber vielerorts [entstehen] eher künstliche „Erlebniswelten“, die sich an den Unterhaltungswünschen der breiten Masse orientieren und eher an Disneyland erinnern als an einen Zoo. Elefanten haben aber wenig davon, wenn sie jetzt in einem künstlichen Maharajapalast herumstehen, ihre Gehegefläche sich aber nicht vergrößert hat.
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Ebensowenig wurde die fortschreitende Vernichtung der afrikanischen oder indonesischen Regenwälder dadurch aufgehalten, dass seit über hundert Jahren Gorillas und Orang Utans in Zoos zu besichtigen sind.
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Studien zeigen, dass die Besucher kaum mehr über Tiere wissen als Menschen, die sich überhaupt nicht für Tiere interessieren und noch nie in einem Zoo waren. Die durchschnittliche Verweildauer der Besucher vor den einzelnen Gehegen liegt, unabhängig von der Art und Anzahl darin gehaltener Tiere, bei unter einer Minute pro Käfig.
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Wenn man genau hinschaut, wird also klar: Zoos bringen den Menschen die Tiere nicht näher. Im Gegenteil.
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Und was lernen die Kinder im Zoo? Dass es okay ist, Tiere einzusperren. Respekt vor Tieren lernen sie nicht.
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Wie wenig es darum geht, Achtung und Respekt vor den Tieren zu erlernen, belegen auch die Speisekarten der Zoorestaurants.
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Weil dort auch Fleischgerichte angeboten werden?
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Vegetarische oder vegane Alternativen gibt es allenfalls in Form von Beilagen. Vereinzelt stehen sogar exotische Wildtiere auf der Karte, wie man sie im Gehege ums Eck gerade noch besichtigt hat. Springbock, Gnu, Kudu oder Strauß. Im Hoyerswerdaer Zoorestaurant habe ich auf der Speisekarte eine „Massai-Krieger-Platte“ gesehen. Mit „gebratenem Fleisch vom Krokodil in grüner Currysoße“.
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Ich staune über ein eindrucksvolles, faszinierendes Lebewesen – und dann esse ich es auf?
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Ja. Auf die Idee, die Zoobesucher dazu anzuregen, einen ganz persönlich erlebbaren Beitrag zu Tier-, Natur- und Umweltschutz zu leisten und wenigstens am Tag des Zoobesuches auf Bratwurst oder Wienerschnitzel zu verzichten, kommt kein einziger der deutschen Zoos.
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Hinter dem Abkommen, das auch als Cites bekannt ist, steckte die Erkenntnis, dass eine der Hauptursachen für das Aussterben bestimmter Tierarten der Handel mit wildgefangenen Tieren ebendieser Arten war.
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Es sind ja seit Mitte des 19. Jahrhunderts für europäische und amerikanische Zoos Myriaden an Wildtieren der freien Wildbahn entnommen worden. Es wurden zum Beispiel ganze Gorillafamilien ausgelöscht, um ein einziges Jungtier zu fangen. Für jedes Gorillakind, das lebend in einem Zoo ankam, mussten bis zu 20 Gorillas ihr Leben lassen.
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Die werden ausschließlich für die Zurschaustellung gezüchtet.
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Tatsächlich aber gibt es ernstzunehmende Auswilderungsprojekte nur für eine kleine Handvoll der nachgezüchteten Arten.
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Schaut man sich die Jahresberichte der Zoos an […] sieht man: Die aufgewandten Mittel [für Schutzprojekte in den Ländern, wo die Tiere bedroht sind] liegen in aller Regel im Promillebereich der hauseigenen Werbebudgets.
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Der über den Zoo hinausreichende wissenschaftliche Wert der Arbeiten [wissenschaftliche Forschung] ist denkbar gering.
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Machen wir uns nichts vor: Zoos sind Gefängnisse, in denen die Tiere lebenslang eingesperrt sind.
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Solange die gegenwärtig lebenden Tiere noch da sind und nicht ausgewildert werden können, müssen sie so gehalten werden, dass ihre Bedürfnisse und Ansprüche erfüllt sind, und nicht die der Besucher. Wo das nicht geht, müssen eigene Refugien für sie geschaffen werden. Im Übrigen müsste das Steuergeld, das in immer neue Zoogehege hierzulande gesteckt wird, besser in den Ausbau von Schutzzonen in den natürlichen Heimaten der Tiere investiert werden. Zoos passen nicht mehr in die heutige Zeit.
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Jeder Dokumentarfilm, wie es sie heute zu jeder in Zoos gehaltenen Tierart in herausragender Qualität gibt, vermittelt mehr Kenntnis und Wissen und weckt mehr Empathie als ein Zoobesuch dies je vermag. Im Übrigen ist jeder Schmetterling am Wegesrand mehr Natur als alle Zoos der Welt zusammengenommen.
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Die zoologischen Gärten könnten in botanische Gärten umgewandelt werden, oder allenfalls in Wildparks mit einheimischen Tieren, wo sich gestresste Städter weiterhin erholen und entspannen könnten. Zudem könnten die Anlagen genutzt werden, um Tieren in Not zu helfen. Viele exotische Tiere – Kleinsäuger, Vögel, Reptilien, Amphibien oder Spinnen – werden beschlagnahmt oder landen in Tierheimen, weil ihre Besitzer sie nicht mehr halten können.«

Colin Goldner, Markus C. Schulte von Drach | Süddeutsche Zeitung | 10.09.2014 | Tierschutz und Artenvielfalt – „Zoos pssen nicht mehr in unsere Zeit“ | http://www.sueddeutsche.de/wissen/zoos-passen-nicht-mehr-in-unsere-zeit-1.2108912
Colin Goldner hat in den vergangenen drei Jahren die 38 Zoos in Deutschland untersucht, in denen Menschenaffen gehalten werden, sowie einige mehr. Der Psychologe tritt für „Grundrechte für Menschenaffen“ ein. Er leitet in Deutschland das „Great Ape Project“. Seine Zoo-Studie hat er unter dem Titel „Lebenslänglich hinter Gittern“ veröffentlicht (Alibri-Verlag).

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6 Gedanken zu “Artgerecht ist nur die Freiheit.

  1. Ich habe mich mal mit einer Zoo-Mitarbeiterin über „artgerechte Haltung“ in Zoos unterhalten und von ihr kam tatsächlich das gute alte Argument: Zoos sind prima, da die wilden Tiere immer weniger Platz zum Leben haben und somit die Vielfalt erhalten bleibt -.-
    Im Saarland habe ich auch katastrophale Bedingungen erlebt: Keine Netze an den Scheiben, sodass die exotischen Vögel immer wieder dagegen fliegen, grelles Licht in den Gorillagehegen (auch hatten sie nur einen leeren Raum, ich weiß aber nicht, ob das so üblich ist oder das Gehege neu war) und an den Füßen festgekettete Raubvögel, die bei jedem kleinen Tierchen losfliegen nur um zurückgeschleudert zu werden…
    Meinen Unidozenten (auch im Zoo aktiv), habe ich gefragt, ob es Raubkatzen eigentlich nichts ausmacht neben Rehen untergebracht zu sein, diese aber nicht jagen können. ANtwort: Solange sie gut gesättigt sind ist das egal. Ganz daran glauben tu ich nicht aber das hat mich ein wenig beruhigt (Bedenken das bleibt: Aber Katzen jagen ja auch obwohl sie täglich gefüttert werden).
    Das schlimmste was ich bisher gesehen habe war ein Eisbär in Karlsruhe, der stundenlang im Kreis lief und dabei immer die gleiche Bewegung machte. Im Internet habe ich ähnliche Videos von Eisbären in Gefangenschaft gesehen…
    Ich gehe extrem gerne in Zoos, aber seit Jahren nicht mehr, weil ich sowas nicht unterstützen will. Es gibt für mich nichts besseres als ewig auf einer Bank zu sitzen und Affen zu beobachten, während auch die mich mit der Zeit beobachten. Ganz boykottieren wird für mich also schwierig. Wenn ich jedoch über die 20 Gorillas die für einen sterben lese, wird mir ganz schön übel. Und wenn ich an die massive Regenwaldrodung denke (das sind ja absurde Zahlen wie 5 Fußballfelder/ Minute oder so), frage ich mich ob die eingangs genannte Mitarbeiterin nicht recht hat. Wer kennt sie nicht, die Videos von den Orang-Utans, die total verwirrt durch kahle Felder streifen. Videos, die von Naturschutz-Organisationen verwendet werden um Spenden an Land zu holen. Spenden die dazu dienen das Gewissen zu beruhigen und kleine Verbesserungen zu erwirken. Um dann sagen zu können: Ist doch nicht alles schlecht.
    Wie war das mit dem Artenrückgang seit 1970? Fast die Hälfte? Im Zoo sieht man davon nichts. Dort kann man sich seine Portion „Natur“ fürs Wochenende abholen, mal richtig tanken, Tierlieb sein, was erleben, Smartphone draufhalten, vielleicht irgendwo als Beweis hochladen. Als Ergänzung für das küntliche Städterleben das man führt ohne zu merken, dass diese scheinbare „Natur“ die Künstlichkeit abrundet.
    Ich merke an meinem kritischem Ton, dass ich selbst mit mir am Hadern bin zwischen Zooliebe und Verachtung dafür was dahinter steckt. Das einzige schöne was mir im Moment einfällt sind die wirklich interessierten Kinder, denen sonst keine Möglichkeit gegeben wird mit Tieren in Kontakt zu treten und sie auch mal länger als eine Minute vor dem Gitter verweilen können. Und doch merken einige Kinder, dass es barbarisch ist den Tieren diese Zustände zuzumuten. Wenn sie noch nicht völlig durch die in der Gesellschaft existierende Software programmiert wurden, nach der das ganze als Natur gilt.

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