„Solidarisch vereint vorgehen gegen solche Täter und gegen gesellschaftliche Gewalt-Strukturen, die diesen Tätern ihre Taten erleichtern und ermöglichen, die dort sogar teilweise als „Leistung“ anerkannt werden, das ist es, was ich mir stattdessen wünsche.“

»[…] Ich schreibe sprachlich aus der Perspektive einer Frau, die Gewalt durch einen Mann erlebt hat.
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Ich habe über Jahre verbale, emotionale, indirekte, gegen Ende auch direkte und sexualisierte direkte Gewalt erlebt.
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Ich erkannte lange nicht, dass ich in einer sogenannten „toxischen Beziehung“ war, der „Feind“ in meinem Bett lag.
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Schon früh auftretende psychosomatische Symptome (Tinnitus, Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme, rheumatische Schmerzen, Müdigkeitssyndrom, Panikattacken, Gewichtszunahme, u.v.m.) nahm ich als Beleg für MEINE Schwäche, mit der ich andere belaste. Meine Unfähigkeit, meine Schwäche, meine Abhängigkeit, mein Nicht-Richtig-Sein schien der Grund für das zu sein, was mir „passierte“.
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Über Jahre systematisch ausgeübte Destabilisierung meines Selbstwertes, Verdrehung meiner Wahrnehmung, kleine und größere, private wie öffentliche Demütigungen, unterlassene Hilfeleistungen und Gewalt bis zur Vergewaltigung.
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Ich hatte gerade wie nebenbei von einer Vergewaltigung gesprochen – und erinnerte mich, dass ich den Täter am nächsten Morgen noch dafür getröstet hatte, als er so „merkwürdig“ schaute, was ich als „Betroffenheit“ interpretierte.
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Posttraumatische Belastungsstörung mit Täterintrojektion, auch bekannt unter dem Namen „Stockholm-Syndrom“, war die später erfolgende Diagnose.
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Ich musste erkennen, ich war über Jahre Opfer gewesen. Opfer eines intelligenten, subtilen, vorwiegend passiv-aggressiv und später mir gegenüber zunehmend offen aggressiv agierenden Mannes.
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Ich hatte Schreckliches erlebt und hatte es in der Zeit des Erlebens ausgeblendet, um zu überleben.
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Die Folgen des jahrelangen psychischen und physischen Missbrauchs waren nicht mit der Erkenntnis verschwunden. Sie waren jeden Tag sichtbar und spürbar. Jede jetzt auftauchende Erinnerung warf mich erneut in die Hilflosigkeit und Ohnmacht der damaligen Situation zurück. Dies zeigte sich auch im Alltag. Kleinste Ähnlichkeiten mit früheren Situationen, ähnliches Aussehen, ein Geruch, Geräusche, eine Bemerkung im Verhalten Dritter holten alle damaligen, verdrängten Gefühle hervor.
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Es war der Austausch mit anderen, die ebenfalls Opfer einer solchen Gewalt gewesen waren, die eindeutig sagten „Du bist Opfer, wir sind Opfer, und das muss auch genau so benannt werden“.
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Ich entdeckte meinen Hass. Der Hass auf diesen Täter. Der Hass auf alle Täter. Dieser Hass schien zu helfen, hochkommende, unerträgliche Opfer-Gefühle, die immer wieder gefühlte Ohnmacht und Hilflosigkeit, weg zu drängen. Die mich doch an anderer Stelle einholten.
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Jeder, der jenseits dieses Hasses über Täter und Opfer sprach oder schrieb, war für mich ein Täter-Unterstützer.
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Ich brauchte die Anerkennung meines „Status“ als Opfer, um die in mir angelegte Selbstverachtung zu überwinden und zu lernen, mich freundlich auch darin zu betrachten, statt mich selbst weiter für meine damalige Hilflosigkeit und Ohnmacht zu verurteilen.
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Die Fragen, die sich mir stellten, waren, wieso konnte ich damals „die Zeichen“ nicht erkennen, mich nicht wehren? Was ist es aus meiner Historie von Kind an, das es mir auch so schwer macht, dieses Erleben zu verarbeiten? Wie „ticken“ die verschiedenen Täter-Typen, welche „Techniken“ verwenden sie, woran lassen sie sich erkennen? Wie lassen sie sich stoppen?
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Lernen, leben zu wollen. Lernen wieder zu essen. Lernen, unter Menschen. Lernen, mit Menschen „Belangloses“ zu reden. Alles, was für Menschen, die eine solche Gewalt nicht erlebt haben, die „kleinen Normalitäten“ des Alltags sind, musste hart erkämpft werden, war etwas Besonderes.
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In Gesprächen mit vielen Frauen erkannte ich, gleich, ob ein Mensch dies jahrelang erlebte oder ob es sich um ein einmaliges Erleben handelte, es zerstört den Glauben an alles, was bis dahin das eigene Ich und die eigene Welt ausmachte.
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Dieses, durch die Täter auferlegte und erzwungene Erleben lässt noch lange immer wieder Opfer werden. Vor allem Opfer der Gefühle aus diesem früheren Erleben, die ein aktuell stattfindendes Erleben „überschwemmen“.
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Um nicht wieder zuzulassen, mich als Opfer zu fühlen, sagte ich, niemand hat das Recht, mich auf eine der Begrifflichkeiten fest zu schreiben oder mir einen anderen Begriff vorzugeben.
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Ihr Ziel ist das Zerbrechen der psychischen und körperlichen Integrität, des Lebens und des Ichs anderer Menschen, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln.
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Es dauert lange, bis nach dem reinen Überlebenskampf wieder ein wenig normales Leben in diesen inneren und äußeren Trümmern entstehen kann.
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Solidarisch vereint vorgehen gegen solche Täter und gegen gesellschaftliche Gewalt-Strukturen, die diesen Tätern ihre Taten erleichtern und ermöglichen, die dort sogar teilweise als „Leistung“ anerkannt werden, das ist es, was ich mir stattdessen wünsche. […]«

Still Alive | graswurzelrevolution | April 2017 | Still Alive | http://www.graswurzel.net/418/alive.php

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Ein Gedanke zu “„Solidarisch vereint vorgehen gegen solche Täter und gegen gesellschaftliche Gewalt-Strukturen, die diesen Tätern ihre Taten erleichtern und ermöglichen, die dort sogar teilweise als „Leistung“ anerkannt werden, das ist es, was ich mir stattdessen wünsche.“

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