„Die Totalidentifikation mit der Nation ist wieder ausdrücklich erwünscht, geht es doch darum, Auslandseinsätze der Bundeswehr ideologisch zu begleiten sowie den Weltmarkt zu erobern und im Kampf mit anderen »Wirtschaftsstandorten« alle Kräfte zu mobilisieren.“

»[…] Bestrebungen, die Interessenkonflikte zwischen »Volk« und »Elite« zum Dreh- und Angelpunkt der Politik zu machen, werden als rechtspopulistisch bezeichnet. Rechtspopulisten grenzen sich gleichermaßen nach oben: gegen eine »politische Klasse«, die sich dem »Volk« gegenüber entfremdet hat und dessen wahre Probleme ignoriert, wie nach unten: gegen »Arbeitsscheue«, »Asoziale« und (migrantische) »Sozialschmarotzer« ab.
… | …
Zwar haben Rechtspopulisten nur wenig Hemmungen, ihrerseits […] die Privilegien der Mächtigen und Regierenden in Anspruch zu nehmen, verlangen von diesen jedoch, sich nicht persönlich zu bereichern, sondern selbstlos »der Sache des Volkes« zu dienen.
… | …
Um zu verstehen, warum Millionen abhängig Beschäftigte der AfD vor allem bei den jüngsten Landtags- und Kommunal-, aber auch bei den Bundestags- und Europawahlen trotzdem ihre Stimme gegeben haben, muss man die Doppelzüngigkeit des Rechtspopulismus berücksichtigen, der marktradikale Botschaften meist eher unterschwellig mittels einer Minderheiten ausgrenzenden Dominanzideologie und einer sozialen Demagogie verbreitet.
… | …
Wohlhabende, Besserverdienende und Hyperreiche fühlen sich von der AfD genauso angezogen wie die vom sozialen Abstieg bedrohten Mittelschichtangehörigen und die von Erwerbslosigkeit betroffenen Modernisierungsverlierer.
… | …
Reicht die Angst vor dem sozialen Abstieg wie gegenwärtig bis in die Mitte der Gesellschaft hinein, fühlen sich insbesondere kleinbürgerliche Schichten akut bedroht, was irrationale Reaktionen auf Krisensymptome fördern kann.
… | …
Heute sind die Möglichkeiten zum Aufstieg in einer Gesellschaft […] für Kleinbürger so eingeschränkt, dass deren sozialer Absturz viel wahrscheinlicher ist.
… | …
Innerhalb des parteiförmig organisierten Rechtspopulismus kann man vier Strategievarianten bzw. Argumentationsmuster unterscheiden, die sich – wenngleich unterschiedlich stark ausgeprägt – sämtlich auch bei der AfD finden.
… | …
Erstens. […] »Sozialpopulismus« […] Man nutzt den unterschwellig vorhandenen, oft in der politischen und medialen Öffentlichkeit geschürten Sozialneid gegenüber noch Ärmeren […] um von den eigentlichen Verursachern der gesellschaftlichen Misere abzulenken.
… | …
Zweitens. […] »Kriminalpopulismus« […] Konzentriert man sich auf die Stigmatisierung und Diskriminierung von Straffälligen, plädiert energisch für »mehr Härte« der Gesellschaft im Umgang mit ihnen und nimmt besonders Drogenabhängige, Bettler und Sexualstraftäter ins Visier
… | …
Drittens. […] Steht der staatliche Innen-außen-Gegensatz bzw. die angebliche Privilegierung von (Flucht-)Migranten gegenüber den Einheimischen oder die »kulturelle Überfremdung« im Vordergrund, handelt es sich um Nationalpopulismus.
… | …
Viertens. […] »Radikalpopulismus« […] Sofern die »Systemfrage« in den Mittelpunkt rückt und vor allem die als »Politikverdrossenheit« oder »Wahlmüdigkeit« nur sehr grob charakterisierte und eher bagatellisierte Entfremdung vieler Bürger vom bestehenden Regierungs- bzw. Parteiensystem zum Thema populistische Propaganda wird
… | …
Erstens fällt bei Rechtspopulisten die Tendenz zur »Ökonomisierung« des Sozialen ins Auge.
… | …
Zweitens nehmen Rechtspopulisten eine Kulturalisierung des Sozialen vor.
… | …
Drittens ist eine Ethnisierung des Sozialen festzustellen.
… | …
Viertens lässt sich im Rechtspopulismus eine Biologisierung der sozialen Frage erkennen.
… | …
Der frühere SPD-Politiker und Bundesbanker Thilo Sarrazin war einer der wichtigsten, wenn nicht gar der wichtigste geistige Wegbereiter des Rechtspopulismus à la AfD.
… | …
weil Angehörige der Mittelschicht große Angst vor einem sozialen Absturz haben und für Katastrophenszenarien und Kassandrarufe empfänglich sind
… | …
Neben den unteren gesellschaftlichen Schichten in ihrer Gesamtheit macht Sarrazin vor allem die Migranten muslimischen Glaubens, übrigens gerade solche, die hierzulande aufgewachsen und also selbst gar keine Zuwanderer sind, sondern einer ethnischen und religiösen Minderheit angehören, für die finanzielle Überlastung des Wohlfahrtsstaates verantwortlich
… | …
In neoliberaler Manier unterzieht das SPD-Mitglied, dessen Buch von sozialdarwinistischen, rassistischen und rechtspopulistischen Stereotypen durchzogen ist, die europäischen Muslime einer ökonomischen Kosten-Nutzen-Rechnung
… | …
Will man den Lebensstandard eines Menschen bestimmen, muss er grundsätzlich in Beziehung zum Wohlstand des je eigenen Landes gesetzt werden, und zwar natürlich jeweils zur selben Zeit. Denn wer hier und heute mehr oder weniger arm ist, vergleicht sich völlig zu Recht weder mit einem Durchnittsverdiener, der in Tschechien, Polen, der Türkei oder anderswo lebt, noch mit einem Deutschen, der vor Jahrzehnten auf einem gleichfalls geringen Wohlstandsniveau lebte, sondern mit jenen Mitbürgern, die teilweise viel mehr haben als er selbst.
*
Da er die strukturellen Zusammenhänge ausblendet und Armut deshalb auch nicht als gesellschaftlich bedingt erkennt, neigt Sarrazin zur Individualisierung, Moralisierung und Subjektivierung des Problems.
… | …
Zweifellos verhindern Bildungsdefizite vielfach, dass junge Menschen auf einem flexibilisierten Arbeitsmarkt sofort Fuß fassen. Auch führt die Armut von Familien häufig dazu, dass deren Kinder keine weiterführende Schule besuchen oder sie ohne Abschlusszeugnis wieder verlassen.
… | …
Ein schlechter oder fehlender Schulabschluss verringert zwar die Erwerbschancen, wirkt sich aber kaum nachteilig auf den Wohlstand einer Person aus, wenn diese vermögend ist oder Kapital besitzt.
… | …
Armut macht zwar auf die Dauer eher dumm, Dummheit aber keineswegs arm.
… | …
setzt er in der Arbeitsmarktpolitik auf das US-amerikanische »Workfare«-Konzept, fordert die Erhöhung des Drucks auf Erwerbslose und sympathisiert offen mit einer grundgesetzwidrigen Arbeitspflicht für solche, die auf »Transferleistungen« angewiesen sind, wie das beispielsweise auch der frühere hessische CDU-Vorsitzende und Ministerpräsident Roland Koch vorgeschlagen hat.
… | …
Dass es sich bei der von ihm auf kulturelle Faktoren geschobenen und maßlos überschätzten Abschottung primär gar nicht um eine Form ethnischer, sondern um eine Manifestation sozialökonomischer Segregation handelt, verkennt der ehemalige Bundesbanker.
… | …
Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat den Bestseller seines Parteikollegen richtig charakterisiert: »Es ist ein Buch über ›oben‹ und ›unten‹ in unserer Gesellschaft und darüber, warum es nicht nur gerecht, sondern auch aus biologischen Gründen völlig normal ist, dass es dieses ›Oben‹ und ›Unten‹ gibt.«

Christoph Butterwegge | junge Welt | 10.10.2016 | Zynischer Populismus – Warum und wie rechte Demagogen die Armen verächtlich machen | https://www.jungewelt.de/2016/10-10/053.php

Sollte sich der Urheber des hier verlinkten und zitierten Artikels durch das Posten dieser Verlinkung oder dem ganz oder teilweisen Zitieren aus dem verlinkten Artikel in seinem Urheberrecht verletzt fühlen, bitte ich um einen kurzen Kommentar und einen Beleg der Urheberschaft. Das Beanstandete wird dann unverzüglich entfernt. | Eventuelle Werbung in optischer Nähe zu diesem Artikel stammt nicht von mir, sondern vom Social-Media-Hoster. Ich sehe diese Werbung nicht und bin nicht am Verdienst oder Gewinn beteiligt.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s