„Nur beim eigenen Tod, liebe Leser, wird es schwer mit dem freien Willen.“

»[…] Der am meisten rückwärtsgewandte, am meisten bevormundende, am wenigsten menschenfreundliche [Gesetzesvorschlag] wurde Gesetz. Eine breite Mehrheit der Bürger hätte sich – laut zahllosen Umfragen und Untersuchungen – anders entschieden. So viel Vertrauen in die Vernunft ihrer Untertanen aber wollten die GesetzgeberInnen nicht aufbringen.
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Zu unterscheiden ist zwischen Behandlung und Nichtbehandlung, zwischen Suizid und Sterbehilfe, zwischen Hilfe beim und Hilfe zum Sterben, Suizidbeihilfe und Totschlag. Über all diese Unterscheidungen spannen sich noch immer Begrifflichkeiten, die eher Tabuzonen beschreiben als tatsächlich oder rechtlich präzise abgrenzbare Sektoren: „passive“, „indirekte“, „aktive“ Sterbehilfe.
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Dabei sollte in dieser Terminologie die „passive“ Sterbehilfe – also das bloße Geschehenlassen des Todeseintritts, der Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen – sein, wenn der Patient an einer unheilbaren Krankheit leidet und sich im Sterbeprozess befindet. Als „indirekt“ wird eine medizinische Maßnahme bezeichnet, die zur Linderung von Leiden führen soll, nach Kenntnis des Ausführenden aber die hohe Wahrscheinlichkeit eines frühzeitigen Todeseintritts birgt. Als „aktive“ Sterbehilfe wird eine auf den Todeseintritt hinzielende oder ihn billigend in Kauf nehmende aktive Handlung bezeichnet, die sowohl durch aktives Handeln als auch durch Unterlassen geschehen kann.
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Die Abgrenzung zu Paragraf 216 führt zu teilweise irrwitzig erscheinenden Konstellationen: Nimmt ein Arzt bei einem äußerungsunfähigen Patienten an, dessen „mutmaßlicher“ Wille sei auf „indirekte Sterbehilfe“ gerichtet, darf er ihm, um sein Leiden zu mindern, so viel Narkose- oder Schmerzmittel zuführen, dass der Patient als Folge an einem Atemstillstand stirbt. Ist derselbe Patient aber bei vollem Bewusstsein und bittet den Arzt eindringlich, ihm eine tödliche Dosis zu injizieren, wird der Arzt, wenn er der Bitte nachkommt, wegen Tötung auf Verlangen zu sechs Monaten bis fünf Jahren verurteilt.
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Wenn also „Beihilfe zum Suizid“ straflos ist, „Tötung auf Verlangen“ aber strafbar, kommt es entscheidend nur darauf an, ob jemand „Täter“ (der Fremdtötung) oder „Gehilfe“ (der Selbsttötung) ist. Klingt einfach, ist schwierig. Eine Person darf einer sterbewilligen anderen Person ein Glas oder eine Injektion mit Gift bereitstellen, aber sie darf die Injektion nicht selbst setzen. Wer krankheitsbedingt außer Stande ist, das Glas selbst zum Mund zu führen, hat Pech: Gerade die Hilfsbedürftigsten also werden gnadenlos im Stich gelassen um der Prinzipien des „Lebensschutzes“ willen.
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Bestraft (bis drei Jahre Freiheitsstrafe) wird, wer einer sterbewilligen Person „geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt“, sich selbst zu töten. Das ist nicht etwa eine „aktive Sterbehilfe“ im genannten Sinn, sondern die bloße Beihilfe zur Selbsttötung, die in Deutschland seit 140 Jahren straffrei war. Die Behauptung der Gesetzesinitiatoren, hier solle irgendetwas „klargestellt“ werden, war daher schlicht gelogen: Tatsächlich wurde ein weiter Bereich vorher straflosen Verhaltens als kriminell definiert.
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Als ich vor einigen Jahren am Vorabend einer großen Operation mit einem Letalitätsrisiko von immerhin fünf Prozent mit dem Operateur meine Patientenverfügung erörtern wollte, sprach er die trostreichen Worte: Ich könne das gern alles ausfüllen, wenn es mich beruhige. Aber im Ernstfall mache er sowieso, was er für richtig halte.
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Wir kommen also zum Ergebnis, dass die meisten der im Recht der Sterbehilfe verwendeten Begriffe irreführend sind und dass die scheinbar feinziselierten Abgrenzungen vor allem eines bewirken: die Verschleierung des Umstands, dass es sich fast durchweg um aktive, vorsätzliche Tötungen handelt, die nach den allgemeinen Regeln eigentlich von Paragraf 212 StGB (Totschlag) zu erfassen wären. Während Hunderttausende verlassen sterben, ächzt und zweifelt die Rechtsdogmatik seit Jahrzehnten vor sich hin, wie die Probleme wohl zu lösen seien.
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An den Rändern des Lebens bröckelt der Lebensschutz bis zur Unkenntlichkeit dahin und verliert sich im Dickicht von Moral, Tabu und ethischen „Bekenntnissen“. Das gilt für die vorgeburtliche Zeit des Lebens ebenso wie für seine unvermeidliche Schlussphase: Extreme Aufregung in der Diskussion endet in einer gesetzlichen Regelung, die zwar die praktischen Probleme nicht beseitigt, jedoch zum Verstummen von Fragen, Antworten und Zweifeln führt.
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Und weil die Chance, den […] gern „friedlich“ genannten Tod durch finalen nächtlichen Apoplex zu erleiden, ja ziemlich gering ist, die Wahrscheinlichkeit einer zerstörerischen Demenz oder eines Karzinoms trotz aller zertifizierten Biolachszucht und Kresse-Smoothies aber ziemlich hoch.
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Auch bei der Körpergestaltung obsiegt die Freiheit des Willens, solange nicht Krankheit ihn einschränkt oder die sogenannte Sittenwidrigkeit: Sie dürfen sich die Lippen auf dreifache Größe aufpusten oder das Konterfei von Lemmy Kilmister auf den Unterbauch tätowieren lassen. Sie dürfen sich die Ohren abspreizen oder anlegen, das Brustvolumen verfünffachen oder den Hintern mit Schweinefett aufpolstern lassen. Sie dürfen sich eine Niere oder ein bisschen Knochenmark oder ein Auge herausnehmen lassen, solange Sie das nicht gegen Entgelt, sondern aus Menschenliebe tun, und Sie können selbstverständlich, mit ein bisschen Sach- und Rechtskunde, auch fremde Embryonen ausbrüten, solange die Wissenschaft noch nicht in der Lage ist, aus Stammzellen Gebärmütter in Gläsern zu züchten wie einst in der schaurigen neuen Welt.
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Nur beim eigenen Tod, liebe Leser, wird es schwer mit dem freien Willen.
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Verfolgung von Pornografie aus Sorge um die Gesundheit der Jugend, Verfolgung von Prostitution aus Angst um die Familie, Verfolgung von Selbstbestimmung aus Angst um die Freiheit der Fremdbestimmung.
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Wer bei Sinnen und äußerungsfähig ist, kann seinen Ärzten zwar nicht befehlen, was sie tun, wohl aber, was sie unterlassen sollen.
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Es ist also sehr wichtig, eine Patientenverfügung und eine Betreuungsverfügung zu treffen und zu hinterlegen. Und zwar gerade für jene, die keinen oder möglichst wenig „Stress“ mit dem eigenen Tod haben möchten.
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Die Wahrscheinlichkeit, dass wir Heutigen am Ende unserer Tage mutterseelenallein sein werden, haben wir uns in den letzten 150 Jahren hart und mit deutscher Gründlichkeit erkämpft. Sie ist daher ziemlich hoch.
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Die paternalistische Verwaltung des Sterbens und die gnadenlose strafrechtliche Verdrängung des Suizids in den Bereich der Illegalität, der Depression und der erschreckenden Gewalt bewirken nicht einen Schutz des Lebens, sondern dessen Verhöhnung. Sie degradieren das angeblich überragende Selbstbestimmungsrecht des Menschen zu einem angenehmen Privileg der Starken.
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Bekannt ist aber, dass sich 10.000 Menschen pro Jahr in Deutschland selbst töten und weitere 100.000 dies versuchen. Gewiss zwei Drittel davon könnten davon abgehalten werden, wenn wir Anlauf- und Beratungsstellen hätten.
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Die Abgrenzung zwischen strafbarer „Tötung auf Verlangen“ und strafloser „Beihilfe zur Selbsttötung“ ist sachlich verfehlt, moralisch mehr als zweifelhaft, menschlich und medizinisch sinnlos. Sie treibt zahllose Menschen in verzweifelte, leidensvolle und grausame Selbsttötungen und verhindert wirksame, frühzeitige Hilfe für Suizidgefährdete. […]«

Thomas Fischer | DIE ZEIT | 28.02.2017 | Vom Leben und Tod | http://www.zeit.de/gesellschaft/2017-02/sterbehilfe-vom-leben-und-vom-tod-fischer-im-recht/komplettansicht

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