»Emil stirbt

Nachdem dieser ältere Artikel heute am 16.11.17 noch einmal ein Like bekam, habe ich mich entschlossen, ihn zum Totensonntag noch einmal zu teilen.


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Ein Mann verliert erst seine Frau an den Krebs, danach sein Kind. Um mit seiner Geschichte nicht allein zu bleiben, hat Stefan Krauth sie hier aufgeschrieben.
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Jede Fotografie ist eine Katastrophe, schreibt der Philosoph Roland Barthes, wir sehen darin immer auch den Schrecken einer in der Vergangenheit liegenden Zukunft. Eine Wirklichkeit, die nicht länger existiert, die, im Moment der Aufnahme, da war, nun aber unerreichbar weit weg ist. Deswegen berührt uns die Fotografie eines verlorenen Objekts wie das verspätete Strahlen eines längst erloschenen Sterns.
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Ich war sicher: Die deutschen Ärzte würden, anders als ihre kolumbianischen Kollegen, endlich dem Erbrechen und der Apathie meines Kindes auf den Grund kommen.
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Auf meiner Jacke und auf dem Sofa im Wohnzimmer finden sich heute noch weiße Flecken erbrochener Milch.
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Die Zeichen ernster Sorge des Arztes prallten an mir ab.
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Ich fuhr mit dem Auto durch bekannte Straßen, die auf einmal ihre Bedeutung verloren hatten.
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Heute weiß ich nicht, ob er lediglich müde war oder unter so starken Kopfschmerzen und Übelkeit litt, dass er, den Unterarm vor die Augen gelegt, aus der Welt verschwinden wollte.
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Der Oberarzt sprach dann von einer schlaflosen Nacht, die er wegen Emil gehabt habe.
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Verdacht auf Hirntumor.
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In mir sträubte sich etwas, ihn so verschwinden zu sehen, als wäre die Narkose sein vorweggenommener Tod.
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Die stumm am Straßenrand geparkten Autos schmerzten mich im Grau des Februarmittags.
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Jede Handlung, jede Bewegung eines Arztes oder einer Schwester erschienen mir wie Botschaften eines Unglücks.
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wie bei einem Tauchgang wurde ich bleischwer von den Dingen weggezogen.
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„Was haben Sie getan, dass Gott Sie so bestraft?“, fragte er.
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Der Tumor lag in der hinteren Schädelgrube.
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die Größe einer Pflaume?
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Auf einem Tisch an der Ecke eines Patientenzimmers der Charité zeichnete ein Neurochirurg wenig später den Umriss eines Schädels auf ein Blatt Papier und dazu, rechts neben den Hirnstamm in der hinteren Schädelgrube, einen kleinen Kreis, der Emils Tumor darstellte.
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Emils Tumor konnte nichts mit dem Tumor, an dem seine Mutter unerkannt gelitten hatte, gemein haben, es war ein gänzlich anderer Tumor, ein gänzlich unwahrscheinlicher Zufall.
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Die Kinderintensivstation glich der Brücke eines Raumschiffs.
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„Er hat Sie angelächelt“
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Zum ersten Mal seit Emils Geburt schlief ich alleine in meiner Wohnung. Ich lag genau dort, wo ich ein Jahr und achtzehn Tage zuvor Emils Mutter tot im Bett liegend aufgefunden hatte.
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Und in der Nacht des Todes seiner Mutter hatte ich gelernt, Emil das Fläschchen zuzubereiten.
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Ich saß neben ihm und streichelte seinen Körper, den ich durch die Bettdecke hindurch spürte.
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„Nach unserer Erfahrung ist eine Heilung sehr, sehr unwahrscheinlich. Eine insgesamt eher ungünstige Konstellation.“
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„Wir kommen oben auf der Station den Kindern auf ihren Dreirädern teilweise gar nicht mit den Infusionsbeuteln hinterher.“
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Ich trat auf sie zu und sagte in die Stille: „Emil wird nicht überleben.“ Als ich, nach einem weiteren kurzen Moment der Stille, ein Schluchzen hörte (ich weiß nicht, von wem), wurde mir bewusst, dass ich diese Worte mehr zu mir als zu den Wartenden gesagt hatte. Dass ich die Worte aussprechen musste, um ihre Bedeutung wirklich werden zu lassen.
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Emil fing beim Anblick eines Pflegers oder eines Arztes jedes Mal zu schreien an.
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Bald hatte ich keine Hemden mehr, die nicht von Emils Erbrochenem verschmutzt waren.
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Emil wurde jeden Morgen gewogen und verlor jeden Tag Gewicht.
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Betrachte ich heute die Fotos aus jener Zeit, scheint Emil schnell gealtert zu sein.
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Nach Monaten war er endlich wieder zu Hause, in seinem Gitterbett, in seinem Schlafsack, bei dessen Anblick er strahlte und sich an ihn schmiegte.
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wauwau. So hörte ich Emil zum letzten Mal sprechen.
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In dieser Nacht wusste ich, dass er bald sterben würde; der Tod wachte stumm neben uns oder zwischen uns.
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An diesem Nachmittag begann Emil, Haare zu verlieren (heute noch finde ich einzelne seiner blonden Haare in den Fasern meiner Wollpullover).
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„Die Tumorzellen scheinen wieder aktiv geworden zu sein“, sagte jemand.
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„Ich habe mir das Bild noch einmal angesehen. Es kann sein, dass Emil die nächsten zwei, drei Tage nicht überleben wird. Die gesamte Hirnhaut ist von Metastasen befallen.“
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„Wenn er stirbt, wird er es nicht merken. Sie und ich werden es merken, er aber nicht. Wenn es so weit ist, werden wir ihn nicht künstlich beatmen.“
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Die Chemotherapie wurde abgebrochen und die Morphindosis erhöht. Über einen Knopf konnte ich zusätzliche Morphingaben auslösen.
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„Mit der Gabe des Luminal wird der finale Prozess eingeleitet.“
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Wenn ich aufwachte, würde Emil tot sein.
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„Das ist die finale Sterbensphase.“
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Und wieder: Wenn ich aufwachte, würde Emil tot sein.
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„Medizinisch können wir uns das nicht erklären.“
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Die Ärzte wagten keine Prognosen mehr.
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Heute frage ich mich, ob er mir damit sagen wollte: Ich weiß jetzt, dass du nicht mehr allein bist. Konnte er tatsächlich auf N. gewartet haben, war sein Griff zugleich Begrüßung und Abschied?
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„Er hat schon aufgehört zu atmen“, sagte meine Mutter
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Ich berührte Emils steifen Körper, legte mich neben ihn und spürte mit meiner Hand der stetig aus seinem Körper weichenden Wärme nach.
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Meine Mutter sagte: „Das musste aber jetzt doch nicht sein.“ Und ich wusste nicht, ob sie das Stoßgebet der Leichenträger meinte oder aber Emils Tod.«

06.12.2014 | von Stefan Krauth

alles lesen => http://www.zeit.de/2014/48/krebs-diagnose-kampf-verlust/komplettansicht

3 Gedanken zu “»Emil stirbt

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