Der industrielle „Tod ist ein Meister aus Deutschland“.

» […] Unstrittig ist: 59,3 Millionen Schweine werden jedes Jahr bei uns geschlachtet, die meisten davon mit Hilfe eines Verfahrens, bei dem die Tiere zunächst mit CO2 betäubt werden. An rund 300 Tagen im Jahr – sonntags stehen die Förderbänder still – schicken Schlachtbetriebe, die diese Methode verwenden, insgesamt etwa 40 Millionen Schweine in Metallkäfigen, sogenannten Gondeln, in den Kohlendioxid-Schacht. Auch Leute, die weiter mit gutem Gewissen Fleisch essen, müssen mit dem Wissen leben, dass die Tiere so massenhaft-industriell zu Tode gebracht werden.
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Darin heißt es über die CO2-Methode: „Der Hauptvorteil liegt in einer effizienten Gruppenbetäubung mit wenig Personaleinsatz. Die CO2-Betäubung steht in der Kritik, weil die Betäubung nicht sofort eintritt und die Tiere bei der Einleitung Atemnot-Symptome und ein starkes Abwehrverhalten zeigen.“ Der Bericht hält auch fest: „Derzeit sind allerdings noch keine praxistauglichen Alternativen verfügbar.“ Tatsächlich?
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„Täglich kommen bis zu 200 Lkws mit bis zu 25.000 Schweinen an den sechs Verlade-Rampen bei uns an“
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„Wenn man sieht, was passiert, wenn die Tiere in den CO2-See eintauchen – spätestens dann kommt bei vielen Leuten die Erkenntnis, dass man Tiere so eigentlich nicht betäuben kann“
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„Sie strecken die Schnauzen nach oben, zeigen Maulatmung, also typische Anzeichen eines Erstickungsgefühls, und drängen nach oben.“
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„Die Tiere bekommen Angst, auch weil das Gas in Verbindung mit Flüssigkeit zu einer schwachen Säure wird und dann zusätzlich ihre Schleimhäute angreift“
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Die Robusteren richten sich auf und steigen auf ihre Artgenossen, um so lange wie möglich Luft zum Atmen zu bekommen. Die Panik äußert sich in schrillen Schreien. Die Grundlautstärke der Anlage von 80,4 dB steigt dann in der Grube auf einen Lärmpegel von 105,8 dB an, fand Troegers Team heraus; das entspricht der Lautstärke eines Presslufthammers in einem Meter Entfernung.
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„Schon eine Sekunde davon ist viel zu viel für jedes Schwein.“
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Bis zu 1500 Tiere werden pro Stunde angestochen
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Die vorgeschriebene Mindestaufenthaltsdauer im CO2-Schacht: 100 Sekunden; so ist es gesetzlich angeordnet, um sicherzustellen, dass die Schweine möglichst tief und fest narkotisiert sind. Dann taucht die Gondel wieder auf und wirft die leblosen Körper auf das Förderband, wo sie von einem Mitarbeiter erwartet werden. Möglichst zügig, damit sie beim nächsten Arbeitsgang noch betäubt sind, werden sie an einem Fuß angeschlungen, an einen Haken gehängt und in den Fließverkehr eingereiht.
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Der gewollte Tod erfolgt dann durch Ausbluten. Der nächste Mitarbeiter am Band sticht mit einem Hohlmesser zu. Er muss direkt in die Hauptschlagader treffen, damit das Blut gut fließt. Dieses läuft über einen angeschlossenen Schlauch ab. Erst wenn es tot ist, darf das Tier in die Brühung kommen, eine Art Schweinewaschanlage mit Wasser, das auf 62 Grad Celsius erhitzt ist.
*„Eine individuelle Betreuung der Tiere kann schon ab dreitausend Tieren am Tag nicht mehr möglich sein. Die Fehlerquote bei der Betäubung in CO2-orientierten Schlachthöfen liegt in guten Betrieben bei null, in schlechten bei fünf Prozent“, so von Wenzlawowisz. Im ungünstigsten Fall also könnten fünf Prozent der Tiere kurzfristig aus der Ohnmacht vor dem Tod erwachen; theoretisch könnten sie dann lebendig für vier Minuten in die 62 Grad heiße Brühe getaucht werden, bevor sie danach in die Kratzmaschine kommen, wo die Borsten abgekratzt werden. Dann folgt die Abflammanlage, um die restlichen Borsten abzukriegen. „Die Schweine, die in der Brühanlage sterben, erleiden einen Kreislaufzusammenbruch. Woran sie gestorben sind, sieht man im Nachhinein nicht mehr“, erläutert von Wenzlawowisz.
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Fließbandarbeit: etwa alle fünf Sekunden ein Stich, ein Schwein, ein Stich, ein Schwein; 750 Tiere pro Band, 1450 bis 1500 Tiere pro Stunde. Eine recht blutige Angelegenheit. Es ist eben ein Schlachtbetrieb, auch wenn er als einer der modernsten in Europa gilt. „Wenn ein Arbeiter diese Hauptarterien nicht richtig trifft oder ein Schwein vergisst, weil mal drei übereinander hängen, dann fährt das Tier unter Umständen bei vollem Bewusstsein in die heiße Brühe“, sagt Troeger besorgt. „Diese Fehlentblutungen bei großen Betrieben sind ein Problem.“
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„Eine individuelle Betreuung der Tiere kann schon ab dreitausend Tieren am Tag nicht mehr möglich sein. Die Fehlerquote bei der Betäubung in CO2-orientierten Schlachthöfen liegt in guten Betrieben bei null, in schlechten bei fünf Prozent“, so von Wenzlawowisz. Im ungünstigsten Fall also könnten fünf Prozent der Tiere kurzfristig aus der Ohnmacht vor dem Tod erwachen; theoretisch könnten sie dann lebendig für vier Minuten in die 62 Grad heiße Brühe getaucht werden, bevor sie danach in die Kratzmaschine kommen, wo die Borsten abgekratzt werden. Dann folgt die Abflammanlage, um die restlichen Borsten abzukriegen. „Die Schweine, die in der Brühanlage sterben, erleiden einen Kreislaufzusammenbruch. Woran sie gestorben sind, sieht man im Nachhinein nicht mehr“, erläutert von Wenzlawowisz.
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„Das ändert gar nichts an der zur Debatte stehenden Qual der Tiere, denn die CO2-Betäubung ist eine Inhalationsnarkose; 10 bis 20 Atemzüge sind also immer nötig, bevor das Gas wirkt. Die Säurewirkung auf die Schleimhäute, die Erstickungsnot und die daraus resultierende Panik spürt das Tier trotzdem.“
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Er fand heraus, dass Schweine mit Helium sanft hinüberschlummern: „Das ist eine Betäubung, wie sie sein sollte; das Schwein merkt und spürt nichts. Das ist das, was sich der Verbraucher unter einer Betäubung vorstellt – und nicht das, was bei uns in der Praxis gemacht wird, darunter leiden die Tiere nämlich.“ Auch die Qualität des Fleisches war besser, gerade im Vergleich zum CO2-Fleisch, das durch die Ausschüttung von Stresshormonen beim Schwein oft blass, weich und wässrig ist – oder zäh. Ganz anders das Produkt von mit Helium betäubten Tieren: „Es war topzart.“
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Was also spricht gegen den breiten Einsatz von Helium in Schlachthöfen? Der sei, so auch die Bundesregierung in ihrem Tierschutzbericht, „gegenwärtig nicht praxisreif, da seitens der Gasindustrie die erforderlichen Mengen an Helium nicht bereitgestellt werden können“.
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Es spreche vieles dafür, dass die Schweine „erheblich leiden“, so die Juristin.
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Hirth weiter: „Wenn man also zu dem Ergebnis kommt, dass das erhebliche Leiden, dem die Schweine ausgesetzt sind, bis zum Eintritt der Bewusstlosigkeit länger anhaltend ist, müsste man eine Straftat nach Paragraph 17 des Tierschutzgesetzes bejahen.“
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Ein Problem sei aber, dass die CO2-Betäubung von Schweinen sowohl in der EU-Schlachtverordnung als Verfahren zugelassen ist als auch nach der deutschen Tierschutz-Schlachtverordnung eine zulässige Methode darstellt.
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Zudem habe der Rat der EU, also die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten einschließlich der deutschen, sich bei der Zulassung der CO2-Betäubung aus wirtschaftlichen Gründen über tierschutzrechtliche Bedenken hinweggesetzt – wie er ausdrücklich selbst zugegeben habe.
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So dürfte die Chance für die Schweine, aus dem Kohlendioxid herauszukommen, gering bleiben. Allen Flexitariern, Vegetariern, Veganern zum Trotz: 2015 stieg die Schweinefleischerzeugung, so der „Fleischatlas“ der Heinrich-Böll-Stiftung, gegenüber dem Vorjahr um 0,8 Prozent auf 5,56 Millionen Tonnen, obwohl der Markt übersatt ist. […] «

Ruth Schalk | Frankfurter Allgemeine | 11.04.2016 | Die Ohnmacht vor dem Tod | http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere/deutschland-umstrittene-co2-methode-bei-schweineschlachtung-14169503.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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