„Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“


Da saß Jean nun auf der Mauer zwischen den Jahren. –

 

Ein unausgeglichenes Jahr ging zu Ende, ein Jahr fast nur mit Höhen und Tiefen – unterm Strich kein schlechtes Jahr, eher ein gutes Jahr; trotz allem. –

 

Beruflich erlebte Jean das schönste erste Halbjahr eines Jahres seines vierzigjährigen Berufslebens, in der zweiten Hälfte sorgte er impulsiv dafür, dass das Schöne abrupt endete. –

 

Die Vorfreude war so groß, dass Jeans Enttäuschung am ersten April im Hypermarché vor dem Regal mit den Nudeln, als die WhatsApp-Nachricht sich mit einem klaren Klingelton ankündigte, die größte seines Lebens wurde (er stand tatsächlich kurz davor die nächste Notaufnahme aufzusuchen und sich etwas gegen seine flatternden Nerven und zitternden Knie geben zu lassen).

Der Platz neben Jean am fünfzehnten April beim Philipp-Poisel-Concert in Cologne blieb dann leer und er konnte niemand anderen in der Arena entdecken, der alleine dort war. –

 

Diese Enttäuschung war aber auch das Beste, was Jean in 2017 wiederfuhr: er ging seiner leichten Kränkbarkeit auf den Grund, lernte sein inneres Kind, vor allem sein Schattenkind mit seinen negativen Glaubenssätzen (u. a. „Je ne suis pas suffisante./Ich genüge nicht.“ – „On ne m’aime pas./Ich werde nicht geliebt.“) zu erkennen und in der Folge überwinden; heute spürt er den Impuls seines Schattenkindes früh- und rechtzeitig, kann es in den Arm nehmen, trösten und dann erwachsen reagieren.

Jean kaufte sich Matthieu Ricards Buch „Meditation“, lud sich eine Meditations-App auf sein Smartphone und fing auch an, täglich zu meditieren, lernte in den darauffolgenden Monaten gelassener zu werden und heute kann er feststellen, dass er die Dinge tatsächlich so sein lassen kann, wie sie sind, er kann unangenehme Situationen aushalten, er handelt nicht mehr impulsiv, er kann sich jederzeit mit seiner inneren Ruhe, die hinter aller Aufregung immer vorhanden ist, verbinden. –

 

Heute, am Abend des einunddreißigsten Dezembers hatte Jean seinen Weihnachtsbaum abgeschmückt, die Kugeln, in Seidenpapier eingehüllt, wieder verpackt, den Christbaumständer getrocknet und zurück in seinen Karton gelegt – Kehraus. –

 

Ob er sich etwas wünschte, fragt Jean sich und spontan dachte er an diesen in diesem Jahr begonnenen Gesprächsfaden, den er gerne weiterspönne … –

 

Da saß Jean nun, kurz vor Mitternacht, mit baumelnden Beinen, auf der Mauer zwischen den Jahren, hinter sich 2017 und vor sich 2018, eine brennende, Funken stiebende Wunderkerze in der Hand des rechten Armes, hoch über seinem Kopf, und dachte dabei an Rilke: „[…] und Anfang glänzt an allen Bruchstelln unseres Mißlingens…“

 

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/12/24/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-52-17-und-01-18-weihnachts-und-neujahrsetueden/

6 Gedanken zu “„Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“

  1. „lähmender Gewöhnung sich entraffen“, das ist ja mal ein Neujahrsvorsatz (ein Zitat, ich weiß,aber entraffen gewähre ich Einlass in meinem Wortschatz)
    Ich schätze das oft überraschende Moment in deinen Etüden sehr, auch und gerade in denen, in denen es schmerzt.
    Natalie

    Gefällt 2 Personen

  2. Komm gut rüber und danke dafür, dass du dabei bist, ich finde deine Etüden ungewöhnlich und sehr bereichernd. Ich weiß, dass ich das schon mal gesagt habe, also nur kurz: Ich brenne eine Wunderkerze für dich mit ab!
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

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