Abduktion.


… Langsam dringt mein Bewusstsein an die Oberfläche. Ich liege auf dem Rücken – nackt. Es ist warm. Ich lausche und höre nichts. Ich schlage die Augen auf und sehe nichts. Kein Geräusch und kein Licht dringt an meine Ohren und Augen.

Wo bin ich? Was ist geschehen? Ich denke zurück und empfange nur Leere. Ich kann mich an nichts erinnern: kein Name, kein Alter, kein Datum, keine Tageszeit. Ich bin ein Mann; das spüre ich.

Die Dunkelheit ist absolut. Die Stille auch. Ich empfinde weder Durst noch Hunger. Ich spüre mein Herz schlagen und höre meinen ruhigen und gleichmäßigen Atem.

Ich betaste meine Unterlage, suche ihren Rand. Sie fühlt sich an wie Gummi. Eine Matte. Vom Rand geht es eine halbe Handbreit abwärts. Der Boden. Er ist glatt und sauber.

Was ist als Nächstes zu tun? Ist etwas zu tun? Ist abwarten nicht das beste, was ich tun kann? Ich entscheide mich, zu warten und von eintausend abwärts zu zählen. –

Weiterhin höre und sehe ich nichts. Ich rufe vorsichtig mehrere Hallos in die Dunkelheit. Die Hallos verlieren sich sofort. Kein Echo.

Ich richte meinen Oberkörper langsam auf, winkele die Beine dabei an, stütze mich mit den Händen ab, stehe langsam auf und taste mich mit den Füßen an den Rand der Matte. Ich setze einen Fuß vor den anderen, Ferse an Zehenspitze. So kann ich die Schritte zählen und finde vielleicht zurück zur Matte, wenn ich das Ende des Raumes erreicht habe. Ich strecke die Arme, leicht abgewinkelt, vor mir aus. Nach einhundertzwei Fußlängen berühren meine Hände Etwas.

Die Wand. Die Oberfläche fühlt sich leicht rau an, könnte aus Kunststoff sein, lässt sich ein wenig eindrücken und kehrt danach in ihre Ausgangsform zurück. Nun müsste ich die Wand entlanggehen, um den Umfang des Raumes ermessen zu können. Ich weiß nicht, ob der Raum mehreckig oder rund oder oval ist. Ich weiß nicht, ob meine Matte in der Mitte des Raums liegt. Ich will sie nicht verlieren. Sie ist momentan das Einzige, was ich besitze.

Ich entscheide mich, zu ihr zurückzukehren. Einhundertzwei Fußlängen später betaste ich die Ränder der Matte und fühle an allen Seiten jeweils zwei Schlaufen. Ich nehme eine Schlaufe in die rechte Hand und ziehe die Matte hinter mir her. Schritt für Schritt. Es ist anstrengend und ich höre mein Herz heftig schlagen.

Wieder an der Wand angekommen, lege ich die Matte ab und gehe nun langsam nach rechts, drehe den Oberkörper nach links zur Wand, berühre die Wand mit meinen Händen, taste sie gehend ab, dabei die Schritte zählend. Ich fühle und spüre, dass der Raum rund sein muss. Nach zweihundertsiebenundzwanzig Schritten wird die gleichmäßige Rauheit der Wand durch eine Furche unterbrochen.

Ich spüre der Furche mit den Fingerspitzen nach. Nach oben, nach rechts, nach unten bis zum Fußboden. Eine Tür? Ich lege die Handflächen oben links an den Rand der Furche und lasse die Handflächen über die vermeintliche Türfläche gleiten, in der Hoffnung, einen Türöffner zu finden.

Ich stoße an etwas Metallenes, Rundes. Ich drehe und ziehe am Knauf.

Die Tür öffnet sich, gleißendes Sonnenlicht blendet mich, warmer Wind umfängt meinen Körper,  kein Laut dringt an meine Ohren und ein unerträglicher, süßlicher, Moschus-artiger Duft steigt in meine Nase …

 

Inspiration: http://projekttxt.net/2018/01/03/das-erste-wort-2018/

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s